Im Schlaraffenland...? Von Milchseen und Butterbergen
(Aachen, 2. Mai 2008) In der vergangenen Woche konnten wir Meldungen über einen möglichen „Bauernstreik“ der Tagespresse entnehmen. Worum es genau geht und welche Bedeutung dieses Thema für die Verbraucher und nicht zuletzt für die Landwirtschaft hat, wollen wir etwas näher beleuchten.Die meisten Landwirte sind selbstständige Unternehmer und deshalb ist der Begriff „Streik“ zunächst etwas ungewöhnlich. Vielmehr geht es um einen Lieferboykott ihrer Milch an die Molkereien und damit an die großen Handelsketten, wie ALDI, Lidl und co. Der Milchmarkt in Europa ist streng reglementiert, die sogenannte Milchquote regelt die Produktionsmenge. Dies bedeutet also, dass jeder Landwirt mit Milchviehhaltung eine maximale Menge, die Quote, an die Molkereien liefern darf. Mit den Entscheidungen zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP-Reform), überarbeitet im Jahre 2003, wird die Milchmengenregelung zunächst bis 2014/15 verlängert. Ziel ist es jedoch, ein Auslaufen der Mengenregelung herbei zu führen. Beschlossen wurde bei der Agrarreform auch eine Mengenerhöhung für bestimmte EU-Länder, u.A. auch Deutschland, um 3 x 0,5 % ab 2006. Dieses Marktinstrument der EU soll eine Überproduktion verhindern, eben diese Produktion von Milchseen und Butterbergen, welche bis Mitte dieses Jahrzehntes angehalten hat.
Mit dieser Quotenregelung wird jedoch kein fester Preis für die Abnahme garantiert. Vielmehr sind es hierbei die Verhandlungen der Handelsketten mit den Molkereien welche den Preis bestimmen. Den rund hundert Molkereien in Deutschland stehen wenige große, mächtige Einzelhandelskonzerne gegenüber - Aldi, Lidl, Edeka und Rewe. Da bereits ein Missbrauch von Marktmacht der Handelsunternehmen aufgrund fast gleichzeitiger Preissenkungen der Milchprodukte befürchtet wird, befasst sich auch das Bundeskartellamt mit diesem Vorwurf, so der Bauernverband.
Alle Preise steigen, vor allem wegen den erhöhten Energiepreisen. Warum sollten wir uns jetzt nicht freuen dürfen über sinkende Milchpreise? Zunächst darf man nicht vergessen, dass Milch ebenfalls erst produziert werden muss, natürlich auch mit Energieaufwand. So schätzt man die Produktionskosten der Milch auf ca 35 bis 45 Cent pro Liter. Die Molkereien zahlten im vergangenen Jahr durchschnittlich 37 Cent an die Milchbauern - manche aber auch bis zu 47 Cent. Sinken die Preise für Butter und Milch nun wieder, fürchtet der Bauernverband um die Existenz vor allem kleiner Betriebe. Dass Deutschland einmal Milch in großen Mengen aus dem Ausland importieren muss wie heute schon das Erdöl - das könne doch wirklich nicht im Interesse des Verbrauchers sein, so der Bauernverband.
| Milchpreisvergleich | ||||
| Marke | Fettgehalt | Frisch-/H-Milch | Alter Preis* | Neuer Preis** |
| Landliebe | 3,8% | Frisch | 1,19 | 1,19 |
| Weihenstephan | 3,8% | Frisch | 1,09 | 1,09 |
| Weihenstephan | 1,5% | Frisch | 0,89 | 1,05 |
| Mark Brandenburg | 3,8% | Frisch | 0,89 | 0,85 |
| Tip | 3,8% | Frisch | 0,73 | 0,61 |
| *Preis pro Liter am 10.4.08 **Preis pro Liter am 26.4.08 Quelle: Foodwatch | ||||
Aufgrund dieser Entwicklungen hat nun der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) im April eine Mitgliederbefragung durchgeführt. Demnach sollen rund 88 % der an der Umfrage beteiligten Mitglieder einen Lieferstopp bei erfolglosen Verhandlungen mit den Molkereien befürworten. Dieser Protest ist natürlich das letzte Mittel, denn die Kuh produziert ja die Milch nicht auf Knopfdruck. So müssten diese Milchmengen tatsächlich weggeschüttet werden. Die meisten Landwirte vertreten deshalb auch folgende Meinung: "Weltweit hungern Menschen - wie soll man denen denn das erklären?" Als letzte Chance bliebe - "so schlimm das auch klingen mag" - die nächste Dürrekatastrophe in Australien und Neuseeland abzuwarten. Milch würde dann wieder zum Exportschlager werden. "Das ist nun mal die Realität des Marktes."
Fazit:
Lebensmittel sind mehr wert! Auch bei dieser Diskussion geht es um FAIRNESS. Weltmarktpreise können dazu führen, dass Lebensmittel, wenn auch vorübergehend, aus dem nicht europäischen Ausland importiert werden könnten. Man bedenke auch hier die ökologisch äußerst fragwürdigen Transportwege für die Einfuhr. Lebensmittelpreise in Deutschland sind nicht zuletzt wegen der erläuterten Marktmacht im europäischen Vergleich recht niedrig. Wir befürworten daher eine sinnvolle und ausgewogene Preispolitik. Wir als Verbraucher müssen uns selbst die Frage stellen, wie viel uns unsere Lebensmittel wert sind. Hochqualitative Nahrung darf keinen Dumping-Preis haben.
Quellen: ZMP, Tagesspiegel.de, Spiegel, DBV, BDM, FoodwatchWeitere Infos zum Thema: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,549240,00.html
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